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Warum wir unterschiedlich wahrnehmen.

Erinnern Sie sich an das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“? Wie lange haben wir teilweise gerätselt, bis wir endlich das gesuchte blaue, grüne oder rote Detail sehen konnten. Und wie sehr haben wir uns angestrengt, die verstecktesten, kleinsten Teilchen zu erkennen, die der Spielpartner nicht so schnell erraten sollte. Ohne unsere Mitspieler und ohne das Spiel als Anlass hätten wir nie die Detailbrille aufgesetzt und plötzlich so viel wahrgenommen.

Dieses Spiel hat etwas ganz besonderes. Zum einen beobachten wir ganz bewusst unser Umfeld. Zum anderen nehmen wir unser Umfeld über die Sicht unserer Mitspieler wahr. Wir tun das voller Neugier und Interesse für eine andere Wahrnehmung, als unsere eigene. So handeln wir im Alltag selten, oder?

Wann haben Sie zuletzt jemanden gefragt, ob er das gleiche sieht wie Sie selbst? Als Erwachsene gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass wir alle gleich sehen, einschätzten und erkennen können. Und wenn dem dann doch nicht so ist, dann urteilen wir schnell. „Der tickt ja nicht ganz richtig!“, „Die hat ja keine Ahnung!“ Denken Sie mal ans Autofahren?!

Oder umgekehrt, fragen Sie immer aktiv nach, wenn die Sachlage gerade nicht verstehen oder erkennen können? Im oben genannten Spiel gehen wir ganz locker damit um, etwas noch nicht zu sehen und damit zu verstehen.

Zurück zur Wahrnehmung. Warum nehmen wir unser Umfeld unterschiedlich wahr? Warum sehen wir etwas, was der andere nicht sieht oder sehen etwas nicht, was der andere sieht?

Auf unseren Körper strömen viele Millionen Informationen pro Sekunde aus unserem Umfeld ein. Wenn wir all diese Reize gleichzeitig verarbeiten würden, würden wir ziemlich schnell kollabieren.

Um das zu vermeiden, filtert unser Gehirn und unterscheidet nach wichtig und unwichtig. Also kommt tatsächlich nur ein Bruchteil von unserer objektiven Umgebung in unserem Bewusstsein an. Folglich nehmen wir nur einen minimalen Ausschnitt von der gesamten Wirklichkeit wahr.

Und weil nicht jeder den gleichen Wichtig/Unwichtig-Filter hat, bekommt auch jeder seinen ganz individuellen Ausschnitt von der Wirklichkeit präsentiert.
So wird es verständlich, dass wir manchmal über vermeintlich Gleiches reden/streiten, was in der jeweiligen Wahrnehmung gar nicht gleich ist. Leider merken wir das meist nicht und kämpfen für unsere ganz subjektive kleine Wirklichkeit.

Interessant ist die Frage, wer oder was bildet den Filter? Warum selektieren Sie „wichtig/unwichtig“ anders als ich?

In Ihrem Leben haben Sie andere Erfahrungen gemacht als ich. Denken Sie nur an die Individualität Ihres Elternhauses, das persönliche Umfeld, Ausbildung, Kontakte. All das hat Ihre Gedanken geprägt. Es sind die Gedanken, die den individuellen Wichtig/Unwichtig-Filter bilden.

Ihr Gehirn kann nicht nach richtig oder falsch unterscheiden. Wenn Sie aber wiederholt bestimmte Gedanken haben oder sich intensiv mit etwas auseinandersetzten, dann wird das als wichtig und richtig gewertet und in Folge ausgefiltert. Und genau diese Gedanken schaffen dann einen ganz individuellen Filter – Ihre persönliche Wahrheit von der Wirklichkeit.

Sobald Sie sich beispielsweise für einen Audi Q5 interessieren, scheinen diese auf den Straßen zu sprießen. Sehr schnell lernen Sie den Q5 vom ähnlichen Q3 zu unterscheiden. Vorher war Ihr Filter darauf nicht geprimt und Sie haben eben Autos nur generell wahrgenommen.

Haben Sie sich bisher wenig mit Architektur und Gestaltung beschäftigt, werden Sie Gebäude nur ganz grob wahrnehmen. Sobald Sie aber ein Bauvorhaben haben, fangen Sie an genauer hinzusehen. Sie bauen über die Zeit einen differenzierteren Filter auf. Zeit ist allerdings das, was fehlt, wenn der Bauprozess mal eingeschlagen ist.

Jemand der sich mit Architektur schon seit Jahren auseinander setzt, sieht mit anderen Augen oder eben mit einem anderen Filter. Jedes klitzekleine Detail sticht raus und wird auf Proportion, Material untersucht. Alle Register wie städtebauliche Einbindung, Dachabschluss, Fenster, Türen, Dachrinne, Haptik, Idee, technische Lösungen und noch vieles mehr werden unterschieden und im Kontext bewertet. Damit unser Gehirn diese Komplexität erkennen und verarbeiten kann, muss es darauf „trainiert“ sein.

Sind Sie dagegen Musiker, Sportler, Physiker oder Journalist haben Sie durch die Beschäftigung mit Ihrem Fachgebiet einen ganz besonderen Filter ausgebildet. Und dieser Filter bestimmt wieder Ihre Wahrnehmung und schließlich Ihr Verhalten.

Es ist demnach kein Wunder, dass vor so unterschiedlichem Hintergrund letztlich so unterschiedliche Wahrnehmungen und Verhaltensweisen entstehen.

 

Wenn wir also wissen, wie sehr unterschiedlich wir wahrnehmen, dann sollten wir viel öfters wieder „Ich sehe was, was du nicht siehst.“ spielen. Oder noch besser in der nächsten Diskussion die Fragen stellen: „Was siehst du, das ich noch nicht erkennen kann.“

Die Architektur bietet sich durch ihre Gegenständlichkeit für das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst!“ besonders an.

Lassen Sie sich dabei genau erklären, wie die jeweilige Sichtweise (Filter) entsteht.
Das ist der noch viel spannendere Teil. Mit dieser Frage eröffnet sich der individuelle Hintergrund eines Menschen. Und so einfach wird unsere kleine persönliche Welt ein wenig größer.

Genau darum geht es im Prinzip bei jedem Bauvorhaben. Die Erweiterung des gemeinsamen Horizontes schafft mehr Möglichkeiten, aus denen wir beste Lösung wählen.

Maritta Ivanov

mi@marittaivanov.de
www.marittaivanov.de